Warum wirkt Musik bei Demenz?

Demenz beeinträchtigt das Erinnerungsvermögen und die sprachliche Kommunikation. Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, sich an aktuelle Ereignisse zu erinnern oder Gesprächen zu folgen. Musik wird jedoch in verschiedenen Bereichen des Gehirns verarbeitet, von denen einige auch bei fortgeschrittener Demenz noch vergleichsweise gut funktionieren.

Dadurch können vertraute Melodien Erinnerungen und Emotionen hervorrufen, selbst wenn Namen, Gesichter oder alltägliche Ereignisse längst vergessen sind. Musik schafft einen Zugang, der über Worte oft nicht mehr möglich ist.

Gerade Lieder aus der Kindheit oder Jugend sind häufig eng mit persönlichen Erlebnissen verbunden. Sie können Geborgenheit vermitteln und dazu beitragen, dass sich Menschen mit Demenz sicherer und wohler fühlen.

Musik als Form der Therapie

Der therapeutische Einsatz von Musik hat eine lange Tradition. Bereits im 19. Jahrhundert wurde Musik zur Begleitung kranker Menschen genutzt. Heute ist die Musiktherapie ein fester Bestandteil vieler psychosozialer Betreuungskonzepte.

Nach der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft versteht man unter Musiktherapie den gezielten Einsatz von Musik innerhalb einer therapeutischen Beziehung, um die seelische, körperliche und geistige Gesundheit zu fördern oder zu erhalten.

Auch bei Demenz kann Musik dazu beitragen, vorhandene Fähigkeiten zu aktivieren und den Kontakt zu den Betroffenen zu erleichtern.

Welche Vorteile bietet Musik für Menschen mit Demenz?

Musik kann auf vielfältige Weise zur Betreuung von Menschen mit Demenz beitragen. Sie spricht nicht nur das Gedächtnis an, sondern auch Gefühle und körperliche Reaktionen.

Zu den möglichen positiven Effekten gehören unter anderem:

  • Aktivierung von Erinnerungen aus Kindheit und Jugend
  • Förderung der Kommunikation
  • Verbesserung des emotionalen Wohlbefindens
  • Vermittlung von Geborgenheit und Sicherheit
  • Unterstützung beim Kontaktaufbau
  • Anregung von Bewegung und Mitsingen
  • Förderung der Konzentration und Aufmerksamkeit

Je weiter eine Demenzerkrankung fortschreitet, desto schwieriger wird häufig die verbale Kommunikation. Musik kann dann zu einer wichtigen Brücke zwischen Betroffenen und ihren Angehörigen werden.

Gemeinsames Singen stärkt das Gemeinschaftsgefühl

Viele ältere Menschen sind mit gemeinsamem Singen aufgewachsen. Ob Volkslieder, Kirchenlieder oder bekannte Schlager, vertraute Musik weckt oft Erinnerungen an Familie, Feste oder besondere Lebensereignisse.

Selbst Menschen, die kaum noch sprechen, beginnen manchmal plötzlich mitzusingen oder summen bekannte Melodien mit. Das gemeinsame Musizieren vermittelt Gemeinschaft und kann positive Emotionen hervorrufen.

Darüber hinaus fördert regelmäßiges Singen die Atmung. Die tiefere Lungenaktivität kann insbesondere bei bettlägerigen Menschen dazu beitragen, die Atemfunktion zu unterstützen.

Musik erleichtert den Kontakt

Angehörige erleben häufig, dass vertraute Musik Gespräche ermöglicht, die im Alltag kaum noch stattfinden. Erinnerungen an frühere Zeiten werden lebendig und bieten Anlass, gemeinsam über vergangene Erlebnisse zu sprechen.

Nicht selten reagieren Menschen mit Demenz auf Musik deutlich offener als auf direkte Fragen. Ein bekanntes Lied kann Gefühle ausdrücken, die sich mit Worten nicht mehr vermitteln lassen.

Musik wird dadurch zu einer Form der Kommunikation, die weit über Sprache hinausgeht.

Worauf sollte man beim Einsatz von Musik achten?

Damit Musik ihre positive Wirkung entfalten kann, sollte sie gezielt und bewusst eingesetzt werden. Nicht jede Musik eignet sich gleichermaßen, und zu viele Reize können Menschen mit Demenz überfordern.

Beachten Sie deshalb einige wichtige Grundsätze:

  • Wählen Sie möglichst Musik, die der Betroffene früher gerne gehört hat.
  • Besonders geeignet sind Lieder aus Kindheit und Jugend.
  • Beobachten Sie die Reaktion auf die Musik genau. Freude, Mitsummen oder Entspannung sind gute Zeichen.
  • Vermeiden Sie eine dauerhafte Hintergrundbeschallung.
  • Achten Sie auf eine angenehme Lautstärke.
  • Singen oder summen Sie nach Möglichkeit mit.

Auch die Stimmung der Begleitperson spielt eine wichtige Rolle. Wer selbst Freude an der Musik zeigt und offen auf den Betroffenen zugeht, erleichtert häufig den gemeinsamen Zugang zu den Erinnerungen.

Musik bewusst statt dauerhaft einsetzen

Musik sollte nicht den ganzen Tag im Hintergrund laufen. Eine dauerhafte Beschallung kann Menschen mit Demenz überfordern und zu Unruhe oder Verunsicherung führen.

Sinnvoller sind bewusst gestaltete Musikmomente, bei denen gemeinsam gehört, gesungen oder über die gehörten Lieder gesprochen wird. Schon wenige Minuten reichen häufig aus, um positive Erinnerungen und Gefühle zu wecken.

Fazit

Musik ist weit mehr als Unterhaltung. Für Menschen mit Demenz kann sie Erinnerungen aktivieren, Emotionen wecken und den Kontakt zu Angehörigen erleichtern. Besonders vertraute Lieder aus der Kindheit oder Jugend vermitteln häufig Sicherheit und Geborgenheit und schaffen Momente, in denen Kommunikation wieder möglich wird.

Ob gemeinsames Singen, das Hören alter Lieblingslieder oder professionelle Musiktherapie, Musik kann die Betreuung sinnvoll ergänzen und den Alltag von Menschen mit Demenz bereichern. Entscheidend ist dabei, auf die individuellen Vorlieben einzugehen und Musik bewusst sowie in einer ruhigen Atmosphäre einzusetzen.


Häufige Fragen (FAQs) zur Musik bei Demenz

 
Welche Musik eignet sich für Menschen mit Demenz am besten?

Am besten eignet sich Musik, die den Betroffenen aus ihrer Kindheit, Jugend oder dem frühen Erwachsenenalter vertraut ist. Persönliche Lieblingslieder oder bekannte Volks- und Kirchenlieder wecken häufig besonders positive Erinnerungen.

Kann Musik auch bei fortgeschrittener Demenz helfen?

Ja. Selbst bei fortgeschrittener Demenz reagieren viele Menschen auf vertraute Melodien. Musik kann Emotionen ansprechen, Erinnerungen wecken und den Kontakt zu Angehörigen erleichtern, auch wenn die sprachliche Kommunikation stark eingeschränkt ist.

Wie lange sollte eine Musikeinheit dauern?

Bereits kurze, bewusst gestaltete Musikeinheiten von etwa 15 bis 30 Minuten können ausreichen. Entscheidend ist, die Reaktionen des Betroffenen zu beobachten und die Musik an seine Bedürfnisse anzupassen.

Ist Musiktherapie dasselbe wie gemeinsames Musikhören?

Nein. Musiktherapie wird von speziell ausgebildeten Fachkräften durchgeführt und verfolgt therapeutische Ziele. Gemeinsames Musikhören oder Singen im Alltag kann die Betreuung jedoch sinnvoll ergänzen und ebenfalls positive Effekte haben.

Kann Musik Unruhe bei Demenz auch verstärken?

Ja. Zu laute, ungewohnte oder dauerhaft abgespielte Musik kann Menschen mit Demenz überfordern. Deshalb sollte Musik immer in angenehmer Lautstärke, gezielt und entsprechend den persönlichen Vorlieben eingesetzt werden.

Zuletzt geändert:

Quellen

https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/Alz/pdf/Broschueren/Musik_Begleitung_Demenz_barrierefrei.pdf

Decker-Voigt HH, Oberegelsbacher D, Timmermann T. Lehrbuch Musiktherapie. München: Reinhardt; 2000

Hua Tran leitet als Head of Content den redaktionellen Bereich bei INSENIO. Sie verfasst, recherchiert und redigiert Texte zu Gesundheit, medizinischen Themen und Produkten. Ihre Fähigkeit, komplexe Themen verständlich zu formulieren und Fragen von Betroffenen und Angehörigen Gehör zu verschaffen, setzt sie seit 2015 beim lNSENIO Ratgeber ein.